Nachkaufen & Einstandskurs senken – sinnvoll oder gefährlich?
Viele Anleger kennen die Situation: Eine Aktie wird gekauft – und kurz danach fällt der Kurs.
Der naheliegende Gedanke: „Durch einen Nachkauf sinkt der durchschnittliche Einstiegspreis.“
Diese Vorgehensweise wird als Mitteln oder Verbilligen bezeichnet. Richtig eingesetzt kann sie ein starkes Werkzeug sein. Falsch eingesetzt führt sie schnell zu steigenden Risiken.
🔹 Was bedeutet „Mitteln“?
Beispiel:
| Kauf | Preis | Stück |
|---|---|---|
| 1. Kauf | 100 € | 10 |
| 2. Kauf | 80 € | 10 |
Neuer Durchschnittspreis:
(100×10 + 80×10) / 20 = 90 €
Die Aktie müsste somit nur noch auf 90€ steigen, um den Break-even zu erreichen.
Das Prinzip klingt logisch – funktioniert jedoch nur unter bestimmten Voraussetzungen.
🧠 Grundregel Nummer 1
Es wird eine Position gemittelt, kein Fehler.
Ein häufiger Fehler besteht darin, eine schwache Aktie immer weiter zu verbilligen, obwohl sich die Ausgangslage verschlechtert hat. Das ist kein strategisches Investieren, sondern Hoffen auf eine Erholung.
Vor einem Nachkauf sollte geprüft werden, ob die ursprüngliche Investmentthese weiterhin Bestand hat:
✔ Unternehmen wächst weiter
✔ Geschäftszahlen stabil
✔ Marktumfeld intakt
✔ Kein strukturelles Problem
Warnsignale:
❌ Gewinnwarnungen
❌ Geschäftsmodell verliert Relevanz
❌ Branchenkrise
❌ Managementprobleme
In solchen Fällen kann Nachkaufen Verluste vergrößern statt Chancen verbessern.
🔹 Prinzip 2: Mitteln mit Struktur statt im freien Fall
Es gibt zwei grundsätzliche Arten zu mitteln:
❌ Unkontrolliertes Mitteln im Kurssturz
Der Kurs fällt ohne Stabilisierung. Kapital wird gebunden, das Risiko steigt kontinuierlich.
✔ Strategisches Mitteln an stabilen Kurszonen
Ein Nachkauf ist eher sinnvoll, wenn:
- der Kurs an einer klaren Unterstützung notiert
- der Gesamtmarkt stabil ist
- der langfristige Trend intakt bleibt
- eine technische Stabilisierung sichtbar wird
In diesem Fall basiert der Nachkauf auf Wahrscheinlichkeiten – nicht auf Hoffnung.
🔹 Prinzip 3: Positionsgröße vorab festlegen
Professionelle Anleger definieren bereits vor dem Einstieg, wie viel Kapital maximal in eine Position fließen darf.
Beispiel:
Gesamtdepot: 50.000 €
Maximal 8 % pro Position = 4.000 €
| Kauf | Einsatz |
|---|---|
| 1. Einstieg | 1.500 € |
| 2. Nachkauf | 1.500 € |
| 3. letzter Nachkauf | 1.000 € |
Dadurch wird Mitteln Teil einer Strategie – nicht einer emotionalen Reaktion.
🔹 Prinzip 4:
Qualität erhöht die Erfolgswahrscheinlichkeit
Das Verbilligen funktioniert besser bei Unternehmen mit stabiler Substanz.
Geeignet sind eher:
✔ Marktführer
✔ breite ETFs (S&P 500, MSCI World etc.)
✔ profitable Unternehmen
✔ strukturelle Wachstumsbranchen
Erhöhtes Risiko besteht bei:
❌ Turnaround-Spekulationen
❌ stark gehypten Aktien
❌ hoch verschuldeten Firmen
❌ kleinen, unprofitablen Unternehmen
🔹 Prinzip 5: Zeitfaktor
Mitteln ist keine kurzfristige Trading-Technik, sondern eher geeignet für:
- strukturierte Swing-Strategien
- langfristige Investments
- Seitwärtsphasen
- Marktübertreibungen nach unten
🔹 Prinzip 6: Risiko statt nur Preis betrachten
Entscheidend ist nicht nur der gesenkte Durchschnittskurs, sondern auch das Gesamtrisiko der Position.
Wichtige Fragen:
- Welcher Depotanteil ist nun gebunden?
- Wäre ein deutlicher Verlust verkraftbar?
- Wird Kapital für bessere Chancen blockiert?
⚠ Wann vom Mitteln abzuraten ist
❌ Fundamentale Verschlechterung des Unternehmens
❌ Gesamtmarkt im starken Abwärtstrend
❌ emotionale Entscheidungen aus Frust
❌ mangelndes Verständnis des Geschäftsmodells
❌ reines „Recht behalten wollen“
🧠 Fazit
Mitteln ist kein Rettungsmechanismus, sondern ein Instrument des Risikomanagements.
Richtig angewendet:
✔ senkt den Einstandspreis
✔ erhöht die Renditechance bei Erholung
✔ nutzt Marktübertreibungen
Falsch angewendet:
❌ vergrößert Verluste
❌ bindet Kapital ineffizient
❌ verschlechtert die Depotstruktur
Die einfache Bulle.de-Formel:
Nachkäufe sollten nur bei qualitativ soliden Werten, stabiler Marktlage und klar definiertem Kapitaleinsatz erfolgen.

Kommentare
Kommentar veröffentlichen